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Naturschutzdezernent Christian Zuckermann und Straßenmeisterei-Mitarbeiter Andre Döring an der Kreisstraße zwischen Burkhardsfelden und Hattenrod.(02.08.2022) Summende Insekten, blühende Blumen, sattes Grün – längst sind Straßenränder zu einem wichtigen Kleinbiotop für unzählige Tier- und Pflanzenarten geworden. Zum Schutz der Natur auf das Mähen zu verzichten ist jedoch mit Blick auf die Sicherheit im Straßenverkehr nicht möglich. Und es gibt weitere gute Gründe für eine Mahd, vorausgesetzt, Häufigkeit und Zeitpunkt stimmen.


Der Sommer ist bereits im vollen Gange, als die Straßenmeisterei Grünberg von Hessen Mobil entlang der Kreisstraße 153 zwischen Burkhardsfelden und Hattenrod mit dem Mähen der Straßenränder beginnt. Das Gras steht hoch und viele Personen hinterm Steuer haben sich bereits gewundert, warum die orangefarbenen Fahrzeuge erst so spät angerückt sind.


Dann dauert es nur wenige Minuten von einem Leitpfosten zum nächsten. Von der vermeintlichen „Unordnung am Straßenrand“ ist nicht mehr viel zu erkennen. Das freut wohl die allermeisten Verkehrsteilnehmer, die jetzt wieder eine bessere Sicht haben. Den Insekten und Kleintieren wird damit jedoch zunächst ein wichtiger Lebensraum genommen. Ein guter Grund, weshalb sich der Landkreis Gießen und Hessen Mobil für sie einsetzen und großen Wert auf ihren Schutz legen. Sowohl der Biodiversität als auch dem Artenschutz werden bei der Pflege des Straßenbegleitgrüns hohe Stellenwerte eingeräumt.


„Mit dem Verschwinden artenreicher Blumenwiesen und der Zunahme von Monokulturen haben die Straßenränder in den vergangenen Jahrzehnten enorm an Bedeutung gewonnen und sind zu einem der letzten Rückzugsorte für Insekten und Kleintiere geworden“, erläutert Christian Zuckermann, Naturschutzdezernent des Landkreises Gießen.


Zuckermann besucht Michaela Nägler, Leiterin der Straßenmeistereien von Grünberg und Alten-Buseck, und ihren Mitarbeiter Andre Döring während der Mäharbeiten an der Kreisstraße. Nägler und Döring kennen die Kritik vieler Bürger, die Mahd erfolge zu spät. Doch mit guten Gründen können sie dagegenhalten, und das begrüßt auch Umweltdezernent Zuckermann: „Natürlich liegt uns die Sicherheit des Straßenverkehrs am Herzen. Deshalb werden die Bankette und Sichtfelder zweimal jährlich gemäht. Das Mähen ist wichtig, es muss aber auch ökologisch vertretbar sein.“


Vielfältige Pflanzenwelt lockt unzählige Insektenarten an


Grundsätzlich erfolgt die erste Mahd zwischen April und Juni. Dabei beschränkt sich die Straßenmeisterei zunächst auf das Mähen der Bankette und Sichtfelder im sogenannten Intensivbereich, um den Anforderungen an die Verkehrssicherheit gerecht zu werden und die Sicht auf Hindernisse und andere Verkehrsteilnehmende freizuhalten. Beim zweiten Schnitt werden im straßennahen Intensivbereich zudem die dahinterliegenden Gräben und Mulden mitgemäht, um die Entwässerung dauerhaft zu gewährleisten.


Der dahinterliegende Extensivbereich wird aus artenschutzrechtlichen Gründen nur alle ein bis zwei Jahre und in der Regel erst ab September gemäht, um eine Verbuschung zu vermeiden. Auch dort bleibt für die Pflanzen genug Zeit um auszublühen, sich zu vermehren und eine Nahrungsgrundlage für Insekten zu bilden. Zudem liegt der Mähzeitraum außerhalb der Fortpflanzungszeiten verschiedener Tierarten wie Vögeln, Amphibien, Reptilien und Schmetterlingen.


Spät und möglichst selten mähen – das ist die Devise, die Straßenmeisterei und Landkreis Gießen teilen und sich damit für mehr Biodiversität einsetzen: „Mit dieser Vorgehensweise sorgen wir für eine vielfältigere Pflanzenwelt, die gleichzeitig eine große Schar an Insekten anlockt“, sagt Zuckermann und verweist dabei auf ein im Jahr 2018 gestartetes Pilotprojekt von Hessen Mobil, das der Steigerung der Biodiversität auf Straßennebenflächen dient.


Denn eines ist laut Naturschutzdezernent Zuckermann klar: „Wir müssen der Natur eine Chance geben und mit diesen wertvollen Lebensräumen einen wichtigen Beitrag zum Erhalt unserer gefährdeten Artenvielfalt leisten. Wir sind froh, dass die Straßenmeisterei unsere Werte teilt und mit größter Sorgfalt ökologische Kriterien mit der bestehenden Verkehrssicherungspflicht abwägt.“