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Genau beziffern lässt sich der Bedarf nicht, aber er ist spürbar vorhanden: Frauen auf der Flucht werden Opfer von Gewalt. Wer als Frau alleine, schwanger oder mit Kind im Landkreis angekommen ist, hat die Möglichkeit, in einer speziellen Unterkunft zu leben. Der Landkreis Gießen stellt seit Anfang März speziell hierfür 40 Plätze in einer Gemeinschaftsunterkunft (GU) in der Stadt Gießen bereit und erweist sich damit als Vorreiter. In einem weiteren Gebäudeteil sind außerdem 35 Plätze für Familien mit Vätern reserviert.


„Wer männliche Gewalt erfahren hat, braucht einen besonderen Schutz“, sagt Landrätin Anita Schneider. Die Zielgruppe sind aber nicht nur Frauen mit Gewalterfahrung, sondern auch Alleinstehende, Schwangere und Alleinerziehende mit Kindern bis zu zwölf Jahren ohne solche Erlebnisse. Eines will das Projekt nicht sein: „Die Frauen-GU ist kein Frauenhaus.“


Sind die Kinder zum Beispiel älter als zwölf, können die Mütter auch mit Vätern in dem separaten Stockwerk einziehen, in dem weitere Familien leben. „Durch den Bereich für Familien wollen wir mehr Normalität im Alltag ermöglichen“, erklärt Anita Schneider. In die neu geschaffene Einrichtung können Flüchtlinge einziehen, die im Kreisgebiet in Gemeinschafts- oder Notunterkünften leben. Der Kontakt kommt über die Sozialarbeit des Landkreises in den Flüchtlingseinrichtungen zustande. „Ganz wichtig ist uns, dass die Frauen auf eigenen Wunsch einziehen“, sagt die Landrätin.


Mit dem Projekt einer Frauen- und Familien-GU betritt der Landkreis Neuland. „Es ist für uns deshalb wichtig zu wissen, ob dieser Versuch funktioniert“, sagt Anita Schneider, „deshalb wollen wir das Projekt wissenschaftlich begleiten lassen.“ Gespräche hierfür laufen mit der Justus-Liebig-Universität bereits. „Es war schwer, den Bedarf für diese Gemeinschaftsunterkunft einzuschätzen“, sagt Achim Szauter, Leiter der Stabsstelle für Flüchtlingswesen des Landkreises.


Als Standort wurde ein Gebäude im Ostteil der Stadt ausgewählt, das eine Einkaufsmöglichkeit und Ärzte in der Nähe bietet sowie eine gute Busanbindung. Die Frauen und Familien verfügen über eigene Zimmer mit einem barrierefreien Bad, Gemeinschaftsküchen und Aufenthaltsräume. „Es hat sich bereits eine Gruppe von ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern gebildet“, berichtet Doris Graf-Lutzmann vom Diakonischen Werk Gießen, das mit der Koordination der Ehrenamtsarbeit vom Landkreis beauftragt ist. Außerdem wird ein Sozialarbeiter des Landkreises vor Ort sein. Betrieben wird die Gemeinschaftsunterkunft von dem Unternehmen IGST. „Wir begleiten das Projekt sehr gerne, weil es uns eine Herzensangelegenheit ist“, sagt Nezaket Polat, die sich mit ihrem Mann und IGST-Geschäftsführer Erdal Polat vor Ort verantwortlich zeichnet. Kreisfrauenbeauftragte Angelika Kämmler zitiert das Motto des Frauenbüros „Wir wollen lieber fliegen als kriechen“ und hofft, dass die Bewohnerinnen in der Unterkunft „die Kraft und die Freiheit für ihr neues Leben finden“.