Drucken

 

Kind schaut„So normal wie möglich“ sollen Kinder von Flüchtlingen in der neuen Heimat aufwachsen. Dazu gehört oft auch der Besuch einer Kindertagesstätte, wo sie auf andere Kinder treffen und sich spielend integrieren. Allerdings tauchen immer wieder Fragen auf, wie für Flüchtlingskinder ein Kita-Platz organisiert werden kann, welcher Rechtsanspruch besteht, und was für Eltern und Kinder das Beste ist.


Landrätin Anita Schneider, Jugend- und Familiendezernentin im Landkreis Gießen, weiß um die Unsicherheiten und das Konfliktpotenzial, wenn Eltern einen Kita-Platz suchen. Denn mancherorts ist das Angebot an Betreuungsplätzen knapp. Sie sagt: „Als öffentlicher Jugendhilfeträger ist es unser Auftrag, für alle Kinder im Landkreis Gießen hochwertige Tagesbetreuungsangebote sicherzustellen. Die Bedarfsplanung und den Ausbau erledigen wir Hand in Hand mit den Kommunen. Für uns ist es selbstverständlich, alle Kinder im Kreisgebiet gleich zu behandeln. Dabei spielt es keine Rolle, ob das jeweilige Kind aus einer zugewanderten Familie stammt oder nicht.“ Dies gelte auch für den Anspruch auf Förderung von Kindern in Tageseinrichtungen und in Kindertagespflege.


Dennoch häufen sich die Fragen, ob Kinder aus Flüchtlingsfamilien in Kindertageseinrichtungen anders behandelt werden sollten oder müssen als andere Kinder. Isabel Fuchs, Fachberaterin beim Jugendamt des Landkreises Gießen, antwortet auf häufig gestellten Fragen:


Welchen Rechtsanspruch haben Flüchtlingskinder?


Seit August 2013 gilt für Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr ein Rechtsanspruch auf Betreuung und Förderung. Auch Kinder von Asylbewerbern haben grundsätzlich denselben Anspruch auf einen Betreuungsplatz wie alle anderen Kinder. Voraussetzung ist, dass sie rechtmäßig oder aufgrund einer ausländerrechtlichen Duldung ihren gewöhnlichen Aufenthalt in Deutschland haben.


Der rechtlich gesicherte Anspruch auf einen Platz in der Kita oder einer Kindertagespflegeeinrichtung hat folgenden Hintergrund: Alle Kinder sollen Zugang zu Bildung und Erziehung in einer Einrichtung bekommen und so gleiche Bildungschancen erhalten. Für Kinder bis zum dritten Lebensjahr ist dies neben der Kita auch in der Kindertagespflege möglich.


Der bestehende Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz hilft auch den Eltern. Sie werden durch die Inanspruchnahme eines Kita-Platzes in ihrer Erziehungstätigkeit unterstützt, außerdem erhalten sie die Chance, Familie und Beruf besser miteinander vereinbaren zu können.
Der Rechtsanspruch wird für alle Kinder und Eltern definiert in einen „Grundanspruch“ und bezieht sich in der Regel auf einen Halbtagesplatz. Daneben gibt es den „Erweiterten Rechtsanspruch“. Dieser richtet sich nach individuellen Bedürfnissen der Eltern und Kinder und kann unter Berücksichtigung von Bedarfskriterien geltend gemacht werden. Auch hier wird nicht zwischen Flüchtlingsfamilien und Nicht-Flüchtlingsfamilien unterschieden, sondern die gesonderten Bedarfskriterien ausgelotet.


Werden Flüchtlingskinder bei der Vergabe von freien Kita-Plätzen bevorzugt?


Nein. Bei der Vergabe von freien Kita-Plätzen wird immer geprüft, was das einzelne Kind braucht, welche Bedarfskriterien es mitbringt. Wie alt ist es? Wie lange wartet es unter Umständen schon auf den Platz? Darüber hinaus spielen Sozialkriterien der Eltern eine Rolle. Sind die Eltern berufstätig oder benötigen die Eltern aus anderen wichtigen Gründen einen Betreuungsplatz für ihr Kind?


Stehen ein Flüchtlingskind und ein Nicht-Flüchtlingskind gemeinsam auf der Warteliste für einen freien Kita-Platz, werden die Familien bei der Vergabe gleich behandelt: Die Vergabe erfolgt nach Auswertung der Bedarfskriterien von Kind und Eltern.


Wer zahlt die Kosten für die Kita-Plätze von Flüchtlingskindern?


Bei nicht berufstätigen Eltern übernimmt der Landkreis Gießen grundsätzlich die Kosten für einen Kita-Platz oder einen vergleichbaren Platz in Kindertagespflege bis zu einem Halbtagesplatz. Dies gilt auch bei Flüchtlingskindern.


Wer ist verantwortlich für die Aufnahme von Flüchtlingskindern in die örtlichen Kitas?


Verantwortlich für die Bereitstellung von Kita-Plätzen sowohl in eigenen, kommunalen Einrichtungen als auch in Einrichtungen freier Träger ist die jeweilige Kommune. Sie koordiniert die Aufnahmen aller Kindertagesstätten vor Ort.


Kann der Träger einer vollbelegten Kita für Flüchtlingskinder eine Ausnahme machen?


Eine Belegung über die Kapazitätsgrenze einer Kita hinaus ist in seltenen Fällen möglich, wenn die bauliche und personelle Ausstattung der Einrichtung es zulassen. Bei allen Kindern, die Anspruch auf Betreuung und Förderung haben und einen Betreuungsplatz benötigen, überlegt und berät der Träger in Zusammenarbeit mit der Fachberatung für Kindertagesbetreuung vom Landkreis Gießen, ob eine vorübergehende Überbelegung der jeweiligen Kita möglich und sinnvoll ist. Nach Absprache mit der Fachberatung kann unter Einhaltung der gesetzlichen Möglichkeiten eine befristete Zusatzgenehmigung zu bestehenden Betriebserlaubnissen erteilt werden. Auch solchen Einzelfallentscheidungen liegen Bedarfskriterien von Eltern und Kind zugrunde.


Braucht jedes Flüchtlingskind im Landkreis Gießen einen Kita-Platz?


Über den Rechtsanspruch wird definiert, welchen (Flüchtlings-)Kindern ein Kita-Platz zusteht. Ob aber wirklich für jedes Flüchtlingskind die Betreuung in einer Kita sinnvoll ist, muss nach pädagogischen Gesichtspunkten geprüft werden. Deswegen legen die Fachberater für Kindertagesbetreuung Wert darauf, dass zunächst der tatsächliche Bedarf der Kinder und ihrer Familien ermittelt wird. So wäre es beispielsweise nicht sinnvoll, Kinder in einer fremden Betreuungsstruktur einer Kita einzugewöhnen, wenn feststeht, dass ein Besuch nur von kurzer Dauer wäre.


Bevor die Entscheidung fällt, ein Flüchtlingskind in einer Kita aufzunehmen, überlegen die Verantwortlichen: Wie lange ist das Kind schon in Deutschland? Wo lebt das Kind derzeit? Wie lange bleibt es dort voraussichtlich? Macht es Sinn, das Kind schon zeitweise ohne die Mutter in eine Betreuung zu geben? Anschließend fällt eine Entscheidung, die immer im Interesse des Kindes getroffen werden sollte.


Welche Alternativen zur Kita gibt es?


Neben einer Betreuung in einer Kita kann es sinnvoll sein, alternative Übergangsangebote für Flüchtlingskinder zu organisieren. In einigen Gemeinschaftsunterkünften haben Ehrenamtliche einen Spielraum etabliert, in dem Kinder und Mütter Gelegenheit haben, sich zunächst einzugewöhnen. So könnte auch alternativ in einer Kita ein Raum zur Verfügung gestellt werden, wo Flüchtlingskinder und ihre Mütter auf andere Kinder und Mütter treffen. Der Vielfalt, welche die Situation der Kinder berücksichtigt, sind keine Grenzen gesetzt. Zusätzliche Angebote zur Kinderbetreuung, die Flüchtlingsfamilien an deutsche Betreuungsstrukturen heranführen, begrüßt die Fachberatung für Kindertagesbetreuung.


Insbesondere für Flüchtlingsfamilien, in denen die Eltern Sprachkurse besuchen und für diese (kurze) Zeit eine Kinderbetreuung benötigen, muss nicht zwingend der Kita-Platz die beste Lösung sein. Hier sollten alle Beteiligten überlegen, welche Möglichkeiten es gibt, eine niedrigschwellige Kinderbetreuung neben der Betreuung in einer Kita zu ermöglichen.


Die Fachberatung Kindertagesbetreuung vom Landkreis steht im Bedarfsfall zur Beratung zur Verfügung. Kontakt: Isabel Fuchs, Telefon: 0641 9390-9891, E-Mail: isabel.fuchs@lkgi.de