Am 25. September 2004 findet zum zweitenmal der bundesweite Tag der Archive statt. Die Bedeutung der Archive für die Erforschung der Vergangenheit und für das bessere Verständnis der Gegenwart soll dadurch verstärkt in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt werden. Die Kommunalarchive im Landkreis Gießen haben diesen Tag zum Anlass genommen, die Ausstellung „Alles blauer Dunst? - Zigarrenindustrie im Gießener Raum“ zu planen, zu gestalten und einer interessierten Öffentlichkeit zu präsentieren.
Die Idee zu dieser Ausstellung entstand im Verlauf der Arbeitstagungen der Archivbetreuerinnen und Archivbetreuer im Landkreis Gießen. Bereits seit Anfang der 90er Jahre treffen sich die Vertreterinnen und Vertreter der Kommunalarchive auf Einladung des Kreisarchivs Gießen in der Regel zweimal im Jahr zu Arbeitstagungen. Da – von wenigen Ausnahmen abgesehen – in den kreisangehörigen Kommunen ehrenamtliche und nebenamtliche Kräfte ohne Fachqualifikation tätig sind, wird wunschgemäß Wert gelegt auf die Vermittlung von Kenntnissen für archivische Tätigkeiten. Nicht zuletzt bieten die Arbeitstagungen eine gute Gelegenheit sich zu informieren, auszutauschen und Probleme zu besprechen. Um auf die Arbeit der Archive aufmerksam zu machen und ihre Bedeutung als kulturelle Einrichtungen hervorzuheben werden auch gemeinsame Ausstellungsprojekte realisiert. Auf der Suche nach einem geeigneten Thema mit lokalhistorischem Bezug stieß man auf die Zigarrenfabrikation, die bis weit in das 20. Jahrhundert hinein im Landkreis Gießen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor war.
Um das staatliche Tabakmonopol im Großherzogtum Berg zu umgehen und um von niedrigeren Tabaksteuern zu profitieren, eröffnete der Unternehmer Georg Philipp Gail bereits 1812 die erste Rauchtabaksfabrikation in Gießen. Der Tabak, der in dieser Fabrik verarbeitet wurde, diente dem Rauchen in der Pfeife. 27 Jahre später begannen die Fabrikanten Bücking und Kopfer mit der Zigarrenproduktion, die einen stetigen Aufschwung nahm und zu einem wichtigen Stück der oberhessischen Industrie- und Sozialgeschichte werden sollte. Zur Hochzeit in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts sollen im Gießener Raum mehrere tausend Menschen in der Zigarrenfabrikation gearbeitet haben. Es gab kaum ein Dorf in unserer Region, das keinen Filialbetrieb hatte.
Nur wenige Jahre später verlor die Zigarre an Popularität und der Siegeszug der Zigarette begann. Nach und nach verschwand die einstmals florierende Zigarrenfabrikation aus unserer Region und der Heuchelheimer Zigarrenbetrieb Don Stefano GmbH ist heute der einzige seiner Art im Bundesland Hessen.
Beteiligt an dem Zustandekommen der Wanderausstellung „Alles blauer Dunst? – Zigarrenindustrie im Gießener Raum“ waren das Kreisarchiv Gießen und die Archive der Städte und Gemeinden Biebertal, Buseck, Freienseen, Gießen, Heuchelheim, Hüttenberg, Langgöns, Laubach, Linden, Pohlheim, Rabenau, Reiskirchen und Staufenberg.
Nach der Eröffnung am 25. September 2004 in der Brandsburg in Alten-Buseck, einer ehemaligen Zigarrenfabrik, wird sie hoffentlich noch in zahlreichen Städten und Gemeinden des Landkreises Gießen zu sehen sein.
Sabine Raßner, Kreisarchivarin