Themenüberblick
Sie befinden sich hier: Home / Aktuelles / News

170 Schweine auf dem Weg nach Süden kontrolliert

Tiertransport

Das Veterinäramt des Landkreises kontrolliert mit der Polizei Tiertransporte auf mittelhessischen Straßen – „Verstöße sind leider an der Tagesordnung“

 

Landkreis Gießen. „Das sind Mastschweine mit einem Lebendgewicht von circa 110 Kilogramm. Für die ist beim Transport innerhalb Deutschlands eine Mindestfläche von einem halben Quadratmeter pro Tier vorgeschrieben“, erklärt Pamela Simon beim Blick durch die Ritzen eines Tiertransporters. Mit Handschuhen und einer Taschenlampe ausgestattet, steigt die amtliche Tierärztin um 22.53 Uhr auf dem Parkplatz an der A45 eine Leiter hoch und leuchtet in alle Etagen, zuletzt in das oberste, das dritte Stockwerk, der Fracht. „Sieht alles gut aus“, ruft sie nach einem intensiven Blick runter auf den Rastplatz, wo der Fahrer des LKW und Dirk Oßwald, Erster Kreisbeigeordneter und beim Landkreis Gießen für Veterinärwesen und Verbraucherschutz zuständig, in der Dunkelheit einer kalten Novembernacht auf ihr fachkompetentes Urteil warten. Der Fahrzeugführer hat nichts anderes erwartet und ist zufrieden.

 

„Und jetzt prüfen Sie noch die Papiere?“, fragt Dirk Oßwald, als Pamela Simon am Tisch des nebenstehenden Polizeiwagens Platz nimmt: „Genau, ja. Der hat 170 Tiere geladen, die zur Schlachtung sollen. Ob mit denen und der Transportdauer alles in Ordnung ist, muss ich auch noch überprüfen.“ Während sie sich mit den Transportpapieren auseinandersetzt, kontrolliert Polizeioberkommissar Erik Brüning die Einhaltung der Lenk- und Ruhezeiten des Fahrers sowie die Fahrzeugpapiere – ebenfalls ohne jede Beanstandung.

 

Veterinärin Pamela Simon vom Landkreis Gießen und Polizeioberkommissar Erik Brüning von der Autobahnpolizei Mittelhessen sind ein eingespieltes Team. Seit fast zwei Jahren kontrollieren die beiden gemeinsam mehrmals im Monat Tiertransporte und verbringen dabei viele Stunden auf den mittelhessischen Autobahnen. „Dass alles in Ordnung ist, so wie beim Transporter eben, kommt selten vor“, sagt Brüning. Er hat schon viel erlebt und gesehen und kennt inzwischen seine „Pappenheimer“. Und sie kennen ihn. Denn mitunter erwischen die Kontrolleure nur ein einziges Fahrzeug in einer Nacht – vermutlich, weil sich eine Tiertransportkontrolle innerhalb der Transportunternehmer mitunter schnell rumspricht.  Doch bei dem aktuellen Einsatz gibt es mehr zu tun: Inzwischen ist es 0.37 Uhr, als ein Viehtransporter mit Anhänger an dem auf einem Feldweg neben der Autobahn wartenden Polizeiwagen vorbeifährt. Sofort setzen sich Brüning und die Tierärztin in Bewegung und verfolgen das Fahrzeug, um es beim nächsten Parkplatz rauszuwinken.

 

In diesem Fall hat der junge Fahrer in seinem Gespann 49 Kälber geladen sowie 101 Schweine. „Jetzt wird’s laut“, kündigt Brüning an, denn im Gegensatz zu Schweinen machen die Kälber Krach, aufgeregte Tierrufe zieht durch die Ruhe des nächtlichen Parkplatzes. Um 22 Uhr hat der LKW-Fahrer die Tiere in der Nähe von Frankfurt geladen, wie er auf die kritische Nachfrage von Pamela Simon erklärt. „Der Eintrag fehlt aber in den Papieren. Sie können doch aber bestimmt ihr Navi auslesen?“, fordert sie den Fahrer auf, den internen Fahrtenschreiber des Transporters auszuwerten. Das Gerät dokumentiert unter anderem den Transportweg und die Öffnungszeiten der Ladeklappen. „Okay, somit bleibt die Transportzeit unter acht Stunden und überschreitet nicht die zulässige Dauer“, gibt sich die Kontrolleurin in diesem Fall zufrieden.

 

Was der Tierärztin allerdings ganz besonders ein Dorn im Auge ist, ist die geringe Ladehöhe, mit der ein großer Eber auf der untersten Ebene zu kämpfen hat. Über seinem Rücken ist zu wenig Platz zum Zwischenboden. „Ich weiß, dass es knapp ist, aber es ging nicht anders“, versucht der Fahrer zu begründen und zu besänftigen: „Was soll ich machen?“ Bei der weiteren Begutachtung der Tiere fällt Pamela Simon auf, dass eine Sauengruppe mit sechs Tieren in einem Abteil zu groß ist, was einen Verstoß gegen die nationale Tierschutztransportverordnung darstellt. Sie erklärt dem Mann abschließend, dass sie ein Bußgeldverfahren einleiten muss. „Die Verfahren laufen in erster Linie gegen mich?“ fragt er mit besorgtem Blick zur amtlichen Tierärztin, die erwidert: „Ja, gegen Sie. Aber auch gegen den Transportunternehmer.“

 

„Wir wissen ja, dass die Fahrer deshalb so laden, weil sie ihren Auftrag zu erfüllen haben“, erklärt Pamela Simon dem interessierten Ersten Kreisbeigeordneten, nachdem die Kontrolle abgeschlossen ist und sie im Polizeifahrzeug weiterfahren. Und damit sich an dieser Praktik etwas ändere, sei es sinnvoll auch die verantwortlichen Auftraggeber zu belangen. Von Einsicht und verändertem Verhalten könne aber leider oft trotzdem nicht die Rede sein, wissen die Kontrolleure. „Nicht selten fallen Transportunternehmer wiederholt mit den gleichen Verstößen auf. Allerdings gibt es durchaus auch Transportunternehmer und Fahrer, die durch unsere Beanstandungen und Maßnahmen lernen, und ihr Verhalten ändern“, sagt die Kontrolleurin.
 
„Wie hoch fällt die Strafe denn in diesem Fall jetzt aus?“, will Dirk Oßwald wissen und Pamela Simon schätzt auf mehrere Hundert Euro. Geld, das der Landkreis Gießen erhält. Jährlich kommt durch die kontrollierende Arbeit des Veterinäramts eine Summe von mehreren tausend Euro zusammen. Diese Pflichtaufgabe des Veterinäramtes ist Teil der Balanced Scorecard (BSC), mit der im Haushaltsplan des Landkreises Gießen seit Einführung der kaufmännischen Buchführung gesteuert wird. Aufgaben und Strategien im Hinblick auf Wirtschaftlichkeit können somit bewertet werden. In dieser Woche steht bei der Haushaltsberatung im Fachausschuss für Soziales und Verbraucherschutz die BSC zum Thema Tiertransportkontrollen im Mittelpunkt. Dann erfahren die Politiker zum Beispiel, dass im vergangenen Jahr 20 Kontrolleinsätze stattgefunden haben, bei denen  jeweils mehrere Fahrzeuge untersucht wurden, und bei denen die Mängelquote bei 86 Prozent lag. „Manchmal kommt es auch zum Prozess vor dem Amtsgericht und dann brauchen wir die Fotos, die wir bei der Kontrolle gemacht haben“, erläutert die Tierärztin ihre Arbeit: „Bisher haben wir vor Gericht übrigens immer Recht bekommen.“

 

Insgesamt vier Viehtransporter ziehen Pamela Simon und Erik Brüning in dieser Nacht zwischen 22 und 5 Uhr aus dem Verkehr: Zwei bleiben ohne Beanstandung, zwei Fahrer werden wegen Verstößen gegen die Tierschutztransportverordnung, die Verordnung (EG) Nr. 1/2005, beziehungsweise gegen die Viehverkehrsverordnung belangt. Einer davon, weil die Tiere nicht ausreichend Platz hatten, Sauen in einer zu großen Gruppe transportiert wurden und die Papiere nicht vollständig ausgefüllt waren. Der andere, weil die Transportpapiere nicht vorgelegt werden konnten und weil aufgrund einer undichten Seitentür tierische Abgänge austraten. „Die Fahrzeuge müssen so beschaffen sein, dass tierische Abgänge während des Transports nicht heraussickern können, und daher kann es nicht sein, dass ein Transporter mit einer Tür, die nicht richtig schließt, über die Straßen rollt“, sagt Pamela Simon mit Blick auf das Tierseuchenrecht.

 

Mit dem Verlauf des Einsatzes sind die Kontrolleure insofern zufrieden, weil zwei Fahrzeuge einwandfrei waren, was sie stets freut. „Vier Fahrzeuge pro Nacht oder Einsatz liegen etwa im Schnitt. Manchmal haben wir ein Fahrzeug nach dem anderen und manchmal auch nur ganz wenige. Insgesamt sind die Kontrollen gut abgelaufen, die Fahrer waren alle geduldig und freundlich. Das ist leider nicht immer so.“ Um halb sechs Uhr morgens endet der Einsatz von Pamela Simon und Erik Brüning. Aber es wird nicht der letzte auf hessischen Autobahnen gewesen sein, versprechen die beiden und liegen mit ihrer Ankündigung ganz auf der Linie von Dirk Oßwald: „Artgerechte Tiertransporte sind Tier- und Verbraucherschutz pur. Darauf werden wir auch in Zukunft einen Schwerpunkt unserer Arbeit legen“, sagt der Erste Kreisbeigeordnete abschließend.

 

Informationen zum Thema Tierschutz und Tiertransporte gibt es beim Veterinäramt der Kreisverwaltung unter Telefon: 0641 9390 6222.