Themenüberblick
Sie befinden sich hier: Home / Aktuelles / News

Regionales Familien-Begleitbuch unterstützt junge Eltern

Hallo Welt 2010

Frühpräventionsprojekt „Hallo Welt“ ersetzt fehlende Großfamilienstrukturen
 
„Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Baby“, begrüßt Lieselgret Hagel die frischgebackenen Eltern von Noemi in ihrem Zimmer auf der Entbindungsstation des St. Josefs Krankenhaus in Gießen. L. Hagel ist eine von bislang 13 geschulten ehrenamtlichen Helferinnen, die in diesem Krankenhaus seit November Eltern aus der Stadt und dem Landkreis Gießen besucht und ihnen das Familien-Begleitbuch „Hallo Welt“ überreicht. So auch den Eltern der zwei Tage alten Noemi, die sich den umfangreichen Ordner gespannt zeigen lassen. „In diesem Ordner finden Sie alles über die Entwicklung Ihres Kindes im ersten Lebensjahr und viele regionale Adressen, wo Sie Hilfe und Unterstützung bekommen, wenn es mal Probleme geben sollte“, erklärt die engagierte Seniorin die Handhabung des mehr als 125 Seiten umfassenden Werks. Zwar ist Noemi bereits das dritte Kind von Petra und Mirco Kämmerer, dennoch – und auch weil die beiden um die vielfältigen neuen Aufgaben und Herausforderungen rund ums Elternwerden wissen – begrüßen sie das Projekt. „Gießen ist eine Universitätsstadt, daher gibt es hier besonders viele junge Eltern, die weder auf Eltern noch auf Großeltern zurückgreifen können wenn sie Fragen haben“, bringt die junge Mutter auf den Punkt, was das Anliegen der Initiatoren ist.


Denn schon seit längerem sei ihm die Hilflosigkeit vieler Eltern aufgefallen, erzählt Kinderarzt Dr. Frank Wagner. „Durch die gesellschaftlichen Veränderungen ist es zu einem drastischen Ressourcenmangel gekommen, und dies schichtübergreifend“, weiß der Pädiater und kennt aus seiner beruflichen Praxis genügend Fälle, wo Familien durch diese Ratlosigkeit und die fehlenden sozialen Bindungen immer tiefer in die Krise gerieten. Und wo diese Überforderung dann schlimmstenfalls in Entwicklungsstörungen, Essstörungen und Kindesmisshandlungen enden.

 

 

Frühprävention durch Informationen und regionale Hilfsangebote
Dr. Wagner strebt mit „Hallo Welt“ die primäre Prävention an, damit Eltern aus Verunsicherung und Überforderung nicht in längerfristige Probleme und Krisen geraten. In Zusammenarbeit mit Verbänden und Institutionen aus der Stadt und dem Landkreis Gießen sollen Eltern Ansprechpartner für alle möglichen Fragestellungen und Probleme zur Verfügung stehen.
Für seine Idee konnte Dr. Wagner die Stadt und den Landkreis Gießen gleichermaßen begeistern. Im Team mit der öffentlichen Jugendhilfe beider Behörden sowie örtlichen freien Jugendhilfeträgern, Hebammen und Ärzten wurde das Konzept des Familien-Begleitbuches entwickelt, das in einer einjährigen Pilotphase den Eltern im Krankenhaus kurz nach der Geburt überreicht wird.

 

Es ist ein persönliches Geschenk an die Eltern und informiert rund um Babys erstes Lebensjahr, nennt hilfreiche Adressen und gibt Querverweisen auf Initiativen und Beratungsangebote in der Region. Doch es ist nur der erste Baustein des Projekts. Denn bei „Hallo Welt“ geht es vor allem um die persönliche Begrüßung und das Gesprächsangebot der Ehrenamtlichen. „Die Erfahrung zeigt, dass sich ein Familiensystem wieder stabilisieren kann, wenn frühzeitig genug Unterstützung und Hilfe aus dem Umfeld kommt“, bestätigt auch Claudia Warnat vom Jugendamt des Landkreis Gießen den Präventionsgedanken von „Hallo Welt“.

 

 

Pilotphase im St. Josef Krankenhaus Gießen
Der Willkommensbesuch findet in der einjährigen Pilotphase des Projekts im Gießener St. Josefs Krankenhaus statt, wo jährlich rund 1.000 Babys auf die Welt kommen, was mehr als einem Drittel aller Geburten in Stadt Gießen und Landkreis Gießen entspricht. Später soll es dann auf alle Geburten ausgedehnt werden. „Dies nach sorgfältiger Evaluation der Testphase“, legt Dr. Wagner Wert auf die Qualitätssicherung seiner Idee. „Geplant ist, dass die Frauen der Willkommensgruppe dann die frischgeborenen Eltern nicht mehr im Krankenhaus besuchen, sondern zu Hause, was natürlich ein freiwilliges Angebot ist“, weist Wagner darauf hin, dass es den Eltern frei steht, den Besuch zu empfangen oder nicht.


Darüber werde selbstverständlich auch kein amtlicher Vermerk angelegt, versichert der engagierte Arzt.

 

Die Eltern der kleinen Noemi sind derweil in die Lektüre des Ratgebers vertieft. „Das finde ich sehr praktisch“, urteilt die junge Mutter über das Familien-Begleitbuch, denn L. Hagel hat sie auf die rot umrahmten Hinweise aufmerksam gemacht, die im Text als Querverweise auf hilfreiche regionale Beratungsstellen dienen. Auch die persönlichen Seiten gefallen ihr gut, in der die Eltern ein Bild des Kindes und erste persönliche Daten notieren können. Denn der Ordner ist individuell erweiterbar, wird also auch deshalb seiner Aufschrift „Das persönliche Familien-Begleitbuch für…“ gerecht. Die positive Rückmeldung, die die Ehrenamtliche von den Kämmerers erfährt, ist kein Einzelfall. „Das Familien-Begleitbuch kommt meistens gut an“, freut sie sich über ihre neue Aufgabe. Denn nur selten wünschen die Mütter keinen Kontakt, und auch das liege häufig nur daran, dass der Besuch so kurz nach der Geburt stattfinde, weiß L. Hagel. Ein Manko, das auch Initiator Dr. Wagner kennt, das aber nur für die Pilotphase gilt. Wenn sich 2010 genügend Ehrenamtliche von der Stiftung „Hallo Welt“ ausbilden lassen – die Unterstützung durch 100 weitere Helfer und Helferinnen wird benötigt – kann das ehrgeizige Projekt schon Ende nächsten Jahres in seine zweite Phase gehen: Den Besuch bei den Eltern zuhause und dem Angebot der Ehrenamtlichen, bei Bedarf auch weiterhin als Gesprächspartner zur Verfügung zu stehen.

 


Breite Unterstützung durch Sponsoren, Spenden und Ehrenamtliche
Finanziert wird das Projekt, das inhaltlich in Anlehnung an das Projekt des Niederlausitzer Netzwerks „Gesunde Kinder im Land Brandenburg“ entwickelt und konzipiert wurde, durch Sponsoren aus dem mittelständischen Bereich der Region und Spenden. Für die Pilotphase des Projektes wurden bereits 13 Ehrenamtliche ausgebildet, mittel- bis langfristig werden allerdings rund 100 Ehrenamtliche nötig sein, um es später auf den gesamten Landkreis und die Stadt Gießen ausdehnen zu können. Interessierte können sich bereits jetzt schon melden bei:  Claudia Warnat vom Landkreis Gießen, Tel.: (0641) 9390-9394 oder per E-Mail claudia.warnat@lkgi.de. Wer „Hallo Welt“ finanziell unterstützen möchte, kann dies durch eine Zustiftung oder eine Spende an die gemeinnützige Partnerstiftung „Hallo Welt“ tun: Konto: 67958209 bei der Volksbank Mittelhessen (Bankleitzahl 51390000).
Weitere Informationen: www.buergerstiftung-mittelhessen.de


Stadt und Landkreis Gießen arbeiten zusammen
„Wir versprechen uns durch dieses frühe Gesprächsangebot einen hohen präventiven Nutzen“, hofft der Erste Kreisbeigeordnete Dirk Oßwald. Denn im Landkreis haben beispielsweise von 2000 bis 2007 die Kosten für die Inobhutnahme um 50% zugenommen, berichtet der Sozialdezernent besorgt. Doch das Serviceangebot von „Hallo Welt“ kann dabei helfen, familiäre Probleme frühzeitig zulösen oder gar zu verhindern, ist sich Oßwald sicher: „Die Ehrenamtlichen von Hallo Welt bieten den Eltern bei Bedarf eine partnerschaftliche Unterstützung, wie sie durch den Zusammenschluss von engagierten und verantwortlichen Menschen aus dem Gesundheitssystem und Jugendhilfe sowie Wirtschafts- und Finanzwelt plus Politik der Region bundesweit einmalig ist.“


Und Gerda Weigel-Greilich, Bürgermeisterin der Stadt Gießen fügt hinzu: „Die Frauen des Begrüßungsteams werden keine Aufgaben unserer Ämter übernehmen. Vielmehr erläutern sie bei ihrem Besuch den Aufbau des Willkommensordners, machen auf die zahlreichen regionalen Adressen aufmerksam und haben ein offenes Ohr für die frischgebackenen Eltern.“
Ziel sei es, „Hallo Welt“ zu einem niedrigschwelligen Angebot für alle Familien zu machen – unabhängig der gesellschaftlichen Schicht oder religiösen Herkunft, darin sind sich die beiden Politiker einig.


Und Dr. Peter Gilbert, der Chefarzt des St. Josef Krankenhaus lobt: „Besonders wichtig ist, dass die Familien in diesem Ratgeber Wege gezeigt bekommen und ihnen vermittelt wird, ich darf um Hilfe bitten“.

 

Bildunterschrift „Hallo Welt“: Dr. Frank Wagner und Lieselgret Hagel überreichen den jungen Eltern ihr persönliches Familien-Begleitbuch.