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Landkreis Gießen setzt sich mit Schülervertretern und Verbindungslehrern gegen Reform der Pflichtstundenverordnung für Lehrer und für eine Stärkung der Schülerrechte ein

Pflichtstundenverordnung

Bildunterschrift:

Gegen eine Reform der Pflichtstundenverordnung für Lehrer und für eine Stärkung der Schülerrechte (v.l.): Kamyar Mansoori, Zhanna Shulgina, Jens Zeiler, Ingrid Macht, Monika Hegen, Dirk Oßwald, Dr. Christiane Schmahl und Rainer Röming. Bild: Landkreis Gießen

„SV-Arbeit ist oft der Grundstein für politische Karrieren. Eine Schwächung wäre daher fatal für unsere demokratische Gesellschaft.“
 
Landkreis Gießen setzt sich mit Schülervertretern und Verbindungslehrern gegen Reform der Pflichtstundenverordnung für Lehrer und für eine Stärkung der Schülerrechte ein

 

Gießen. „Wer Mädchen und Jungen zu mündigen Bürgern erziehen will, darf ihnen nicht die Basis nehmen, sich auf politischer Ebene möglichst früh auszuprobieren“, stellte der Erste Kreisbeigeordnete Dirk Oßwald zusammen mit Schuldezernentin Dr. Christiane Schmahl klar, als er am Montag bei einer Pressekonferenz in der Kreisverwaltung Gießen verdeutlichte, welche Auswirkungen die von der Landesregierung geplanten Einschnitte der Lehrer-Pflichtstundenverordnung haben werden. „SV-Arbeit, also die Selbstbestimmung der Schülerschaft, ist die Grundlage für politisches Handeln und für demokratische Beteiligung. An dieser Stelle zu kürzen, ist absolut der falsche Weg“, sagte Oßwald und erntete Zustimmung der anwesenden Schülervertreter verschiedener Ebenen, darunter auch Landesschulsprecher Kamyar Mansoori. „Wir fordern deswegen die hessische Regierung auf, diese Verordnung zurückzunehmen“, brachte es Oßwald auf den Punkt.

 

Was ihm und den Schülersprechern ein Dorn im Auge ist, ist die zum 1. August 2012 vorgesehene Änderung der Pflichtstundenverordnung zu Ungunsten der Schülervertretung (SV). Darin sind auch Kürzung der Entlastungsstunden für Verbindungslehrer vorgesehen, also die Stunden, die Lehrer freigestellt werden, um die SV-Arbeit ihrer Schützlinge zu unterstützen. In weiterführenden Schule gibt es Verbindungslehrer oder -lehrerinnen, deren Aufgabe es ist, den Jugendlichen bei der Wahrnehmung ihrer Rechte zur Seite zu stehen. Dafür werden sie aktuell entlastet, indem sie im Vergleich zu ihren Kollegen eine Stunde weniger unterrichten müssen. „Gerade Kinder und Jugendliche müssen stark unterstützt werden, wenn sie sich demokratisch engagieren wollen“, sagt Christiane Schmahl.

 

Schon diese eine Schulstunde in der Woche reiche aber als Ausgleich für den Aufwand nicht aus, wie Monika Hegen und Rainer Röming aus der Schulpraxis berichteten. Als Kreisverbindungslehrer haben die beiden guten Kontakt zu den Kollegen und Schülervertretern aller Schulen im Landkreis Gießen und wissen daher um die Situation.

 

Dass manch ein SV-Verbindungslehrer angekündigt hat, diese Aufgabe abzugeben, weil sie ohnehin kaum honoriert wird, sei ein dramatisches Zeichen, betonte Ingrid Macht, Teamleiterin der Jugendförderung des Landkreises Gießen. Als Anbieter außerschulischer Bildung habe sich das Jugendbildungswerk zum Ziel gesetzt, Mädchen und Jungen an Politik heranzuführen und ihnen die Grundlagen eines selbstbestimmten Lebens zu vermitteln. SV-Arbeit leiste dazu einen unschätzbar wichtigen Beitrag, erklärte sie.

 

Um das Interesse der aktiven Schülervertreter an politischen Prozessen zu fördern, organisiert das Jugendbildungswerk im kommenden Frühjahr beispielsweise eine Studienfahrt nach Brüssel, wo der politische Nachwuchs mit Europa-Politikern in Kontakt kommen wird. „Mit solchen Angeboten wollen wir den jungen Leuten für ihr Engagement Anerkennung zollen“, erklärte Dirk Oßwald.

 

„Man darf ja nicht vergessen, dass SV-Arbeit oft der Grundstein für politische Karrieren ist“, sagte EKB Oßwald und nannte sich selbst als Beispiel. Auch er hat als Klassen- und Stufensprecher seine ersten Schritte als Politiker gemacht. „Es war für mich eine wichtige und wesentliche Erfahrung und wir konnten durch die SV lernen, wie Demokratie funktioniert und wie man politisch agiert“, sagte er. Diese freiwillig übernommene Aufgabe der Verbindungslehrer, die Schülerinnen und Schüler im Ausprobieren und Wahrnehmen ihrer Rechte zu unterstützen, sei ungemein wichtig. „Wir müssen das Engagement der Verbindungslehrer viel stärker wertschätzen als wir es bislang tun“, bekräftigte Dirk Oßwald. Eine Kürzung der Stunden sei das falsche Signal.
 
„Wenn nur ein Lehrer seine Aufgabe deswegen niederlegt – und dazu wird es kommen – ist das ein Einschnitt in die Zukunft unserer Demokratie“, sagte der Erste Kreisbeigeordnete. Denn
ohne die Unterstützung durch Verbindungslehrer steht zu befürchten, dass die Interessen der Schüler künftig kaum noch eine Rolle spielen werden, verdeutlichte Zhanna Shulgina, die derzeit die Schülerschaft des Landkreises Gießen als Stellvertreterin vertritt. Sie dankte allen Verbindungslehrern für Ihren Einsatz im Sinne einer starken und selbstbewussten SV und lobte auch die Unterstützung durch den Landkreis Gießen. Der Landkreis fördert im Alltag die Schülervertretungen, indem er Seminare zur Fortbildung anbietet oder Räume für Sitzungen und Veranstaltungen unentgeltlich zur Verfügung stellt.